Buchrezension „Gefesselt / Gefoltert / Enthauptet“ von Walter Hilgarth

Gefesselt, gefoltert, enthauptet

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In seinem Buch „Gefessel, gefoltert, enthauptet“ begibt sich Walter Hilgarth auf die Spuren seines Vater Leopold, der gegen Ende des 2. Weltkrieges Teil einer Widerstandsgruppe in OÖ war und nach deren Auffliegen von den Nazis ermordet wurde.

Das Buch Gefessel, gefoltert, enthauptet berichtet über das Leben von Leopold Hilgarth, der gegen Ende des 2. Weltkrieges einer kleinen, im Umfeld der Euthanasieanstalt Hartheim (Bezirk Eferding in OÖ) operierenden Widerstandsgruppe angehörte und nach deren Auffliegen zum Tode verurteilt wurde.

Walter Hilgarth, der erst rund fünf Jahre alt war, als sein Vater von den Nazis ermordet wurde, war in seinen Jugendjahren Opfer von Hänseleien von Mitschülern gewesen, die seinen Vater fälschlicherweise als Kriegsverbrecher verunglimpften. Auch seine Mutter, die gezwungen war, die Großfamilie fortan alleine zu ernähren, zog es zeitlebens, vor sich in Schweigen zu hüllen, wenn ihr Sohn Auskunft über das Ableben seines Vaters verlangte.

Auch noch viele Jahrzehnte später wuchs sein Verlangen, mehr über das Schicksal seines Vaters zu erfahren, stetig an: Im Ort wurden teils widersprüchliche, oft auch alles andere als erfreuliche Gerüchte über seinen Vater verbreitet, was Walter Hilgarth natürlich zusätzlich motivierte, auf eigene Faust Nachforschungen über das Schicksal seines Vaters anzustellen.

Der Autor machte sich also auf, lokale, aber auch ausländische Archive aufzusuchen, um sich anhand der dort aufliegenden Dokumenten selbst ein Bild vom Leben und Sterben seines Vaters zu machen. Und der betriebene Aufwand sollte sich lohnen: Durch die Beschaffung von zahlreichen Dokumenten (u.a. Prozessakten usw.) glückte es ihm, weitere Details über die Widerstandstätigkeit seines Vaters zu beschaffen und auch die letzten Monate vor seinem Dahinscheiden einigermaßen zu rekonstruieren.

Hilgarth schildert dabei eindrucksvoll das bittere Dasein in einer bettelarmen Großfamilie inmitten des verheerenden Krieges und den unbändigen Willen seines sozialdemokratisch geprägten Vaters, dem mörderischen Naziregime etwas entgegenzusetzen.

Nicht allzu weit vom Haus der Familie Hilgarth enfernt, im Schloss Hartheim, war die Euthanasieanstalt Hartheim angesiedelt, in der tausende von den Nazis als „Nutzlose Mitesser“ titulierte Behinderte auf grausame Art und Weise ihr Leben lassen mussten. Fassungslos über das kaltblütige Morden hinter den Schlossmauern schloss Leopold Hilgarth sich mit Ignaz Schuhmann und in weiterer Folgen mit zwei weiteren Mitstreitern zusammen. Gemeinsam entwarfen sie Schriftstücke, um die Bevölkerung zum Widerstand gegen die braune Schreckensherrschaft aufzrufen und für die Wiederherstellung eines demokratischen und souveränen Staates Österreich einzutreten. Aber leider funktionierte der Bespitzelungsapparat der Gestapo auch in diesem Fall ohne Einschränkungen, so dass die Widerstandsgruppe aufflog und vor Gericht gestellt wurde: Hilgarth und Schuhmann wurden zum Tode durch das Fallbeil verurteilt, während die weiteren Angeklagten, Schuhmanns jüngerer Bruder Karl und Johann Keppelmüller, mit Haftstrafen davonkamen.

Walter Hilgarth versucht mit seinem Werk nicht nur die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten und damit auch seinen Vater zu rehabilitieren, indem er eben Fakten publik macht, die eindeutig belegen, dass sein Vater keineswegs Kriegsverbrecher, sondern vielmehr ein Regimegegner war. Nein, dieses Buch ist auch als Mahnung an die heutige Jugend gedacht, um aufzuzeigen, wohin blinder Fanatismus und Rassismus führen können.

Gefesselt, gefoltert, enthauptet ist beleibe kein wissenschaftliches Buch, obwohl es die lokale Zeitgeschichte mit neuen Erkenntnissen bereichert, sondern eine mutige Niederschrift eines Nachkommen eines Antifaschisten, die nicht nur äußerst penibel die tragische Geschichte der Widerstandsgruppe in Hartheim erzählt, sondern diese auch noch mit privaten Erlebnissen und Erzählungen ausschmückt. Stellenweise versucht Hilgarth auch, sich in seinen Vater hineinzuversetzen und Erklärungen für dessen Handeln zu finden, was natürlich ein denkbar schwieriges Unterfangen darstellt und zur Folge hat, dass sich das Buch phasenweise beinahe wie ein innerer Monolog liest.

Das über 160 Seiten umfassende Werk ist außerdem noch mit Abbildungen der Prozessakten sowie der Schmähschriften und natürlich zahlreichen Fotos ergänzt worden und ist all jenen ans Herz zu liegen, die sich für das Wirken einer Widerstandsgruppe im 3. Reich interessieren. Noch heute erinnert ein Mahnmal beim Schoss Hartheim an die dortigen Widerstandskämpfer. Heute dient das Gebäude als bedeutender Lern- und Gedenkort, wo regelmäßig verschiedenste Veranstaltungen abgehalten werden und eine sehenswerte Dauerausstellung mit dem Titel Wert des Lebens untergebracht ist. Ein Besuch des Schlosses sowie der erwähnten Ausstellung lohnt sich allemal. Nur wenige hunderte Meter entfernt befindet sich das Institut Hartheim, in dem zahlreiche Menschen mit besonderen Bedürfnissen ihren Lebensmittelpunkt haben, das Mitte/Ende der 1960er Jahre quasi als Zeichen der Sühne bewusst an diesem Ort errichtet wurde und heute aus dieser Region nicht mehr wegzudenken ist.

Erhältlich ist das Buch zum Preis von 19 Euro im Infoladen Wels, Spitalhof 3, A-4600 Wels. (Bestellung via E-Mail sind bitte an die Adresse info@infoladen-wels.at zu richten. Der Versand des Buches erfolgt übrigens kostenfrei.)

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