Schlepping durch die Alpen

Ein New Yorker Journalist arbeitet einen Sommer bei einem österreichischen Wanderschäfer. Was sich wie der plot für eine Reality-Show anhört ist ein großartiges Buch über den österreichischen Antisemitismus – und ein bißchen mehr.

 

Hans Breuer, Sohn einer kommunistischen Widerstandskämpferin und Aktivist der österreichischen linksradikalen Szene der Spät-60er und 70er ist jetzt der letzte österreichische Wanderschäfer. Nebenbei ist er Interpret und mittlerweile auch Komponist jiddisch-sprachiger Lieder, die er meist seinen 625 Schafen und zunehmend häufiger auch Menschen vorsingt. Sam Apple, junger jüdischer Journalist aus New York, lernt ihn eines Tages dort kennen und beschliesst mit ihm einen Sommer in Österreich, meist mit den Schafen in den Bergen und Hügeln Niederösterreichs und der Steiermark, zu verbringen. Daraus wurde ein ziemlich aussergewöhnliches Buch, in dem verschiedene, völlig unterschiedliche Themen wild durcheinander geworfen werden: Die Biographie Hans Breuers, das Liebesleben des jungen Sam Apple, Fakten zur österreichischen Geschichte und über die Kunst des Schafe-haltens, eine Spurensuche nach dem jüdischen Österreich inklusive Interviews mit Leon Zelman, Doron Rabinovici oder auch Peter Sichrovsky. Dazwischen gibts einen Besuch beim weltbesten Sensenmäher, einem nackten Museumsführer, einer philosemitischen Lehrerin und deren rabiat antisemitischen Lebensgefährten… doch trotz dieser wilden, wenn nicht irren Mischung an Themen und Eindrücken ist das Buch ausgesprochen flüssig geschrieben. Es sind schlicht Stücke einer sehr österreichischen Gegenwart mit allen ihren Widersprüchen, die Apple so unterhaltsam skizziert.

 

Schade ist die geringe Beachtung die „Schlepping durch die Alpen“ bis jetzt hierzulande erfahren hat. Es ist so schade wie bezeichnend das sich für dieses Werk anscheinend kein österreichischer Verleger interessiert hat und es schließlich im Schweizer Atrium-Verlag raus kam, der hierzulande weder über Auslieferung noch Vertreter verfügt – weswegen Buchhandel und Journaillie auch noch kaum Notiz von „Schlepping in den Alpen“ nahmen. Diesen Mißstand abzustellen haben wir hiermit hoffentlich ein kleines bißchen beigetragen.

 

Sam Apple, Schlepping durch die Alpen. Ein etwas anderes Reisebuch. (Original-Untertitel: „My Search for Austria’s Jewish Past with Its Last Wandering Shepherd”)

Atrium, Zürich 2007

 

Thomas Rammerstorfer

für Context XXI

 

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