Die grosse Hit(ler)parade

Rechtsextreme Musik ist mittlerweile das wichtigste Nachwuchs-Rekrutierungsmittel der braunen Banden

Die ersten Nazi-Bands entstanden im England der frühen 80er im Skinheadmillieu. Federführend war Ian Stuart Donaldson, der mit seiner ursprünglich unpolitischen Band „Skrewdriver“ zum ersten Star der Rechtsrockszene avancierte. Skrewdriver plärrten an gegen Migration, Homosexuelle und das für sie omnipräsente Wahnsystem einer „jüdischen Weltverschwörung“. In seinem „Blood and Honour“-Netzwerk organisierte er bald dutzende gleichgesinnte Musiker, Produzenten und Labelbetreiber. Doch die Schwierigkeiten der Nazis sich in der Moderne zurechtzufinden äussern sich wie symbolisch im Kampf mit ihren Autos: Stuart verlor ihn und starb 1993 an einem Brückenpfeiler. Dafür gilt er heute immerhin als Märtyrer. Der zweite Mann von „Blood and Honour“, Nicky Crane, war schon kurz zuvor an AIDS verstorben, so setzte eine munterer Nachfolgestreit ein, der unter anderem mit Schussattentaten und Briefbomben ausgetragen wurde. Beim Geld hört sich die Kameradschaft bekanntlich auf.

Und Geld war jede Menge zu machen – vor allem im sich in den 90ern hemmungslos dem nationalistischen Wahn hingebenden Deutschland. Zwar stammten die meisten Stars der Szene nach wie vor aus England, die meisten Fans kamen und kommen aus dem deutschsprachigen Raum – und auch in Sachen Bands holten die Germanen auf: Neben den sich später von der braunen Szene distanzierenden „Böhsen Onkelz“ seien hier v. a. Störkraft erwähnt, Parade-Medien-Nazis der frühen 90er mit über 70.000 verkauften CDs.

Zu den traditionellen Nazi-Skinbands kamen später die absoluten Stars der Szene, „Landser“, die eher dem Rocker-Millieu entstammten. Die Band schaffte es sogar als „kriminelle Vereinigung“ verurteilt zu werden; mit der vielbesungenen Treue war es nicht weit her, die Bandmitglieder versuchten sich vielmehr gegenseitig zu belasten und zerstritten sich beim Prozess heillos. Sänger Michael Regener ist nach Verbüssung einer dreijährigen Haftstrafe nunmehr bei der „Lunikoff-Verschwörung“ aktiv.

Insgesamt greift das Phänomen von Musik mit rechtsextremistischen Texten mittlerweile auf viele Musikrichtungen und Jugendsubkulturen über: Dark Wave, Industrial, Nazi-Techno (z. B. „DJ Adolf“), HipHop, Hard/Hatecore und als größere Phänomene v.a. der „National Socialistic Black Metal“ (NSBM) und eine florierende Liedermacherszene. Klandestine Projekte wie die „Zillertaler Türkenjäger“ covern bekannte Schlagermelodien und versehen sie mit rassistischen, teilweise unverblümt zum Mord aufrufenden Texten. Statistisch gesehen findet in Deutschland trotz erhöhten Verfolgungsdrucks beinahe täglich irgendein rechtes Musikhappening statt. Rechtsextreme Musik ist in den letzten Jahren vom Rand- beinahe zum Massenphänomen geworden.

In Österreich wurde um die Jahrtausendwende Vorarlberg zum Zentrum neonazistischer Konzertaktivitäten, später auch Oberösterreich, insbesondere das Innviertel. Während die Rechtsrock-Konzerte von Nazi-Skinhead bzw. „Blood and Honour“-Strukturen organisiert wurden, sprang der „Bund Freier Jugend“ mit Liedermacher-Abenden ein, wo neben deutschen Szene-Superstars wie „Annett und Michael“ sich auch einheimische Rechte an der Gitarre versuchten, etwa Gottfried Küssel oder ein völkischer Barde mit Künstlernamen „Aufrecht“ aus Vöcklabruck. Neben diesen mäßig talentierten und aktiven Sängerknaben verfügt Österreich derzeit nur über eine „klassische“ rechte Skinhead-Band („Service Crew Vienna“) und eine ganze Reihe zumindest braun angehauchter Metal-Bands.

Nur wenigen Nazis ist der Widerspruch zwischen der tief in der afro-amerikanischen Kultur verwurzeltem Rockmusik (oder dem US-amerikanischen HipHop) und dem dazu vorgetragenen rassistischem Stumpfsinn bewusst. Angesichts der gähnenden Leere in den Gehirnen der meisten Rechtsextremen scheint das Nachäffen von Kultur und Stil der „Gegner“ auch der einzig gangbare Weg für sie um an die erwünschte Masse zu kommen.

von Thomas Rammerstorfer

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