feelin`blue 3: Das Leben – ein Rausch

Heute: Das Leben – ein Rausch

Thomas Rammerstorfer über den Rausch als konstitutives Merkmal der Rechten.

„Wer nie stand auf der Mensur, im Rausch sich nie bekotzt die Montur, der ist kein rechter Mann…“ spottete der großartige, später von den Nazis ermordete Jura Soyfer über die deutschnationalen Burschenschafter und deren Trinkverhalten. Die Sauferei ist natürlich nicht ausschließlich ein Phänomen der extremen Rechten, aber nirgendwo sonst wird sie derart idealisiert und ritualisiert wie in der rechtsextremen Szene – ganz egal ob bei den proletarischen Nazi-Skins oder den upper-class-kiddies aus den rechten Studentenverbindungen.

Wo die Ängstlichkeit zu Hause ist, wird der Alkohol gebraucht. Damit werden die Feigen mutig, die Zögerlichen entschlossen und die Langeweiler unterhaltsam. Biere werden zur Maßeinheit der Männlichkeit. Die Überangepassten können für einen Abend die Hemmungen fallen lassen, sie genießen im kollektiven Suff eine beschränkte Freiheit. Beschränkt schon alleine durch eine Vielzahl von Regeln und Ritualen. Nicht erlaubt ist es, den Trinkrhythmus zu unterbrechen, gar durch Abstinenz. Erlaubt ist, sich zu bepissen und zu bekotzen. Damit keine wertvolle Trinkzeit verloren geht, wird in Burschenschafter-Buden architektonisch vorgesorgt: Ein Speibecken, der „Bierpapst“, ermöglicht es den angehenden Ministern und Nationalratspräsidenten sich oral und urinal gleichzeitig zu entleeren (während unsereiner mit dem altmodischen Porzellanbus fahren muss!).

Wir bleiben unappetitlich, verlassen aber die Welt der geistigen Elite, kommen zu HC Strache. Ein Studienabbrecher mit Hang zum Trinken, ohne besondere intellektuelle Fähigkeiten. In einem anderen Land müsste so einer betteln oder einbrechen gehen. Doch wir leben in Österreich, hier ist Richard Lugner ein erfolgreicher Unternehmer, und Strache Obmann der drittstärksten Partei. Trinkend, reich und mit wechselnden Jahresabschnittspartnerinnen tingelt er zwischen Disco und Urlaub rum. Das gefällt vielen Jugendlichen, so wollen sie auch leben. Natürlich klappt das bei den allerwenigsten. Glücklicherweise präsentiert HC dafür dann einen Sündenbock.

Organisierter Rechtsextremismus ist ohne Männerbündelei nicht vorstellbar, diese nicht ohne Alkohol. Und mancher, der das Maß zum Ziel hatte, ist auf die schiefe Bahn geraten, dort langsam vor die Hunde gegangen oder gleich gegen einen Betonsockel geknallt.

aus KUPF-Zeitung 135, http://www.kupf.at

Thomas Rammerstorfer, Altenfachbetreuer, ist aktiv beim Infoladen Wels und der „Liga für emanzipatorische Entwicklungszusammenarbeit” (www.leeza.at). Ab und an gemeinsam mit Markus Rachbauer und dem Vortrag „Brauntöne – rechtsextreme Musik” unterwegs.

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