26. Oktober 2012: AKTUELLER ANTISEMITISMUS. Vortrag mit Heribert Schiedel im MKH

Über die Theorie des Antisemitismus – Antisemitismus als falsche Sinnstiftung – Über den Zusammenhang von undurchschauter Herrschaft und antisemitischen Vorurteilen

Das Feindbild „Jude“ stiftet Sinn, wo keiner ist, und darum haben manche den Antisemitismus zu Recht mit Religion verglichen. Wenn es stimmt, dass der Antisemitismus viel mehr ist als die Summe antijüdischer Vorurteile, nämlich eine umfassende Weltanschauung, die mit der entsprechenden Leidenschaft vertreten wird, dann eignen sich rationale Widerlegungen dieser Vorurteile zu seiner Bekämpfung nur sehr eingeschränkt. Der Antisemitismus hat seine Ursachen nicht bei den realen Jüdinnen und Juden, sondern im spätbürgerlichen Subjekt: Er hilft diesem (insbesondere in Krisenzeiten) gegen soziale und neurotische, bis ins Paranoide steigerbare Angst.

Nach wie vor gehört es aber zum Selbstverständnis vieler radikaler Linker, alleine aufgrund ihrer politischen Position sich als frei von Antisemitismus zu wähnen. Demgegenüber ist es wichtig zu betonen, dass gerade in Mitteleuropa der modernde Antisemitismus im frühen 19. Jahrhundert anfangs auf Seiten der Linken artikuliert wurde. Erst als die Bewegungen mit Karl Marx in der Lage waren, hinter den Schein der kapitalistischen Produktion und der bürgerlichen Gesellschaft zu schauen, begannen die antisemitischen Welterklärungsmuster an Bedeutung zu verlieren. Aber bis heute wächst der Antisemitismus (auch und gerade unter Linken) als personalisierende und moralisierende Pseudoerklärung undurchschauter Verhältnisse in dem Ausmaß, in dem sich die Einzelnen diesen Verhältnissen als ohnmächtig und hilflos ausgeliefert sehen. Ein regressiver und reaktionärer Antikapitalismus, der sich an den (profitgeilen und sonst wie moralisch verkommenen) „Kapitalisten“ abarbeitet und den Kapitalismus als Strukturprinzip unangetastet lässt, greift insbesondere in den Antiglobalisierungs- und Occupy-Bewegungen um sich.
 
Freitag, 26. Oktober 2012, 18 Uhr
Medienkulturhaus Wels, Pollheimerstr. 17
 
Veranstalter: Infoladen Wels – linke Buchhandlung
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